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Bestattungskollektiv Finanzielle Vorsorge für den Todesfall bei
Muslimen
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Die Zahl von Muslimen in Mitteleuropa ist erst durch den Zuzug vieler Türken seit den 60er Jahren letzten
Jahrhunderts stark gestiegen, als viele Türken dem Ruf nach Arbeitskräften folgten.Diese Generation von
Migraten ist heute im Seniorenalter. Damit stellen sich Ihnen neue Fragen des Alltags. Eines des drängender
werdenden Themen ist jenes von Tod und Begräbnis. Das Thema ist komplex. Wir möchten uns hier einem kleinen
Aspekt widmen: der finanzielle Vorsorge für den Todesfall. Dazu sprach Orient-X-Press mit Amir Dr. h.c. Mohammed
Herzog, dem Vorstand der "Islamischen Gemeinschaft deutsprachiger Muslime Berlin e.V."
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OXP: Herr Herzog, wie hoch sind normaler Weise die Kosten für eine
islamische Bestattung ?
M.H.: Das hängt stark davon ab, wo der Tote bestattet werden soll. In Deutschland ist eine islamische Bestattung
praktisch nur auf muslimischen Grabfeldern innerhalb kommunaler Friedhöfe möglich. Eine Grabstätte kostet also
genau so viel, wie für einen Christen. Auch die sonstigen Kosten bewegen sich in einer Preisspanne, die auch für
Christen hierzulande üblich ist. Der große Unterschied rührt daher, dass sich gerade viele türkischstämmige
Mitbürger lieber in der Türkei begraben lassen, und da fallen Überführungskosten an. Hinzu kommen die Kosten für
die Anreise der Trauergäste in die Türkei.
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OXP:Wenn die Kosten also erher höher sind, wie ist es dann um die Vorsorgebereitschaft bei Muslimen
hier bestellt ?
M.H.:Mein Eindruck ist, dass sich viele Muslime in Deutschland -finanziell gesehen- eher schlecht auf den Todesfall vorbereiten.
Viele verlasen sich völlig auf die Fürsorge von Kindern, Verwandten und vielleicht Freunden. Bestenfalls werden die Bestattungskosten
aus dem Erbe bestritten. Wer Vorsorge betreiben möchte, der hat natürlich die Möglichkeit, eine Sterbegeldversicherung
bzw. eine Lebensversicherung auf den Todesfall abzuschließen, wie sie von Versicherungsgesellschaften angeboten werden.
Lebensversicherungen machen ja keinen Unterschied zwischen Christen, Muslimen oder Angehörigen anderer Religionen. Entsprechend der
Beitragshöhe und Beitragsdauer wird im Todesfall dem Begünstigten oder Erben die entsprechende Versicherungsprämie
ausgezahlt. Doch eine Sterbegeldversicherung hat einen für streng gläubige Muslime problematischen Charakter. Es werden ja Zinsen
gezahlt, die es laut Koran nicht geben soll. Deshalb haben wir nach Alternativen gesucht und nun ein "Beerdigungskollektiv" initiiert.
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OXP: Erklären Sie mir bitte, wie ein Beerdigungskollektiv funktioniert.
M.H.: Jeder Interessierte zahlt einen Jahresbeitrag und erhält dafür vom Kollektiv die Garantie, dass im Todesfall für alles gesortgt
wird: für eine rituell notwendige und bestmögliche islamische Beerdigung vor Ort oder eine Überführung des Verstorbenen. Je nach
Fall stellen wir auch einen islamischen Grabstein. Leistungen, wie Erledigung aller Formalitäten und die Nachsorge bei Behördenwegen, ist
natürlich auch abgedeckt. Somit hat jeder Muslim die Möglichkeit, für den Fall der Fälle vorzusorgen. Jedes
Kollektivmitglied erhält einen persönlichen Ausweis mit der Telefonnummer, unter welcher man 24 h an 365 Tagen im Jahr, kostenlos und in
mehreren Sprachen, Unterstützung bei einem Todesfall erhält.
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OXP: Herr Herzog, Sie betonen "jeder Muslim", gibt es denn überhaupt keine Ausnahmen ?
M.H.: Doch, Ausnahmen gibt es. Die Muslime müssen in Deutschland wohnen. Auch gilt eine Wartefrist von 90 Tagen nach Eintragseingang bis zur Aufnahme
in das Kollektiv und bei vorsätzlichem Selbstmord kann die Leistung gemindert oder verweigert werden. Und es ist uns z.B. nicht möglich,
totkranke Muslime in unser Kollektiv aufzunehmen. Aber auch da helfen wir und suchen innerhalb der Gemeinde nach Lösungen.
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OXP: Wenn ich das recht verstehe, ist beim Modell des Beerdigungskollektivs der Solidargedanke viel stärker
ausgeprägt als bei einer Sterbegeldversicherung.
M.H.: Genau ! Unser Kollektiv funktioniert im Grundsatz eher wie die Krankenversicherung, bei der die Leistungen ja ebenfalls nicht von der
Beitragshöhe und Beitragsdauer abhängen, sondern vom medizinischen Bedarf. Bei einer Sterbegeldversicherung stehen die Leistungen in einem
unmittelbarem Verhältnis zur Beitragshöhe und Beitragsdauer, beim Beerdigungskollektiv richten sich die Leistungen eher nach dem Wunsch des
Verstorbenen bzw. seiner Verwandten.
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OXP: Ein Mitglied Ihres Kollektivs kann sich seine zukünftigen Bestattungsriten also so aufwendig wünschen
wie er möchte ?
M.H.: Wir sorgen in kooperation mit unserem Partner Ikinci Bahar, der islamischen Abteilung des Bestattungsunternehmens Ahorn-Grieneisen AG, für die
Bestattung, aber die Kosten sind nur bis zu einer Höhe von 2.500,00 € gedeckt. Fallen z.B. die Kosten für die Überführung gering aus,
so wird der Rest ausgezahlt, und können von den Erben z.B. für die Reise zur Trauerfeier verwendet werden.
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OXP: Warum die Zusammenarbeit mit dem islamischen Bestattungsunternehmen Ikinci Bahar ?
M.H.: Schauen Sie, wir garantieren unseren Mitgliedern mit Ikinci Bahar ein seriöses und seit Jahren mit dem islamischen Ritus vertrautes
Bestattungsunternehmen - und das zu sensationell günstigen Konditionen. Während Ikinci Bahar mit unserer Gemeinde einen Partner findet, mit dem Sie den
kollektiven Gedanken, den der Islam fordert, umsetzen können.
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OXP: Ich möchte noch genauer wissen, wie Ihr Beerdigungskollektiv juristisch funktioniert.
M.H.: Es heisst: "Jeder Muslim ist für seine Taten selber verantwortlich", so auch dafür, Möglichkeiten zur Vorsorge zu recherchieren und auch
diese für sich zu treffen. Deshalb möchte ich Ihnen die Konstruktion im Detail erklären. Unsere Gemeinde ist - wie alle islamischen
Gemeinschaften in Deutschland - als eingetragener Verein organisiert. Nur Mitglieder unseres "Vereins" steht es offen, dem Beerdigungskollektiv beizutreten.
Das Mitglied zahlt seinen Jahresbeitrag in Höhe von 25,00 € (oder 50,00€ für über 60-Jährige) und für jedes zusätzliche
Kind lediglich 10,00 € an den Verein, und der Verein sichert diese Einnahmen durch Kollektivvertrag mit der IDEAL LV a.G., dem
Mutterkonzern von Ikinci Bahar, ab.
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OXP: Aber wie kann Ikinci bahar, selbst mit dem Konzern IDEAL LV a.G. im Rücken bei so geringen Beiträgen
eine so gute Leistung garantieren ?
M.H.: Dies ist ein neuartiges, günstiges Produkt speziell für Kollektive; bei der Leistungshöhe können alledings im laufe der Zeit
Anpassungen geboten sein
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OXP: Gibt es solche Beerdigungskollektive auch in mehrheitlich muslimischen Ländern, wie z.B. der Türkei
oder Ägypten ? Wie sieht die traditionelle Vorsorge in diesen Ländern aus ?
M.H.: Es gibt in der muslimischen Welt den Begriff vom "Leinengeld", d.h. jemand spart Geld an und bewahrt dieses in der Wohnung versteckt für den Fall der
Fälle auf. Abergenauso wie Omas Sparstrumpf in Europa aus der Mode gekommen ist, so ändert sich das Verhalten auch in muslimisch geprägten
Ländern. Und ich weiß von weltweit tätigen Lebensversicherungen, dass Sie auch im islamischen Raum entsprechende Produkte anbieten. So bietet
die Allianz-Versicheung sogenannte "Takaful"-Policen an, bei denen es sich im Kern um modifizierte Lebensfersicherungen handelt, die dem islamischen Recht,
also der Scharia angepasst worden sind. Denn wegen des Zinsverbots darf das Versicherungsgeschäft keine Zinserträge abwerfen und muss auf dem
solidarischen Gemeinschaftsprinzip basieren. Als drittes Model gibt es noch die Alternative, sich einer "Beerdigungshilfe" anzuschließen, eine Praxis,
die unter Türken beliebt ist.
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OXP: Erklären Sie bitte dieses Modell der "Beerdigungshilfe".
M.H.: Das bedeutet nichts anderes, als dass eine Gemeinde oder religiöse Stiftung (türkisch "vakif") unter Ihren Mitgliedern oder Anhängern Geld
nach dem Umlageprinzip in Form von Spenden einsammelt und aus diesen Einnahmen im Bedarfsfall die Bestattungskosten trägt. Sicher ist. dass die
Vertrauenskomponente beim Modell der Beerdigungshilfe sehr stark ist. Unsere "Allgemeinen Geschäftsbedingungen" hingegen kann jeder einsehen.
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OXP: Gibt es in Deutschland auch Alternativen ?
M.H.: Die Konstruktion, die unserem Beerdigungskollektiv zugrunde liegt, ist hierzulande recht neu. Aber selbstverständlich hat Ikinci Bahar ähnliche Modelle
auch mit anderen islamischen Gemeinschaften abgeschlossen, wie ich weiß mit der Gemeinschaft JεtK Verein oder auch der EhliBeyt Gemeinde in Berlin.
Ob neben Ikinci Bahar auch andere Kooperationspartner in Frage kämen, weiß ich leider nicht, aber wenn eine gute Idee Nachahmer findet würde ich
mich für alle Muslime freuen.
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